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Rosie von “DIYCouture” über Schnittmuster und die Ethik der Vivienne Westwood

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NACHTRAG: Denim von Thread International und einen Papierschnitt von dem neuen Schnittmuster Jacke Holly hat Bele gewonnen! Herzlichen Glückwunsch!


Heute ist schon der letzte Tag der Fashion Revolution Week und heute endet auch unsere Fashion Revolution Week Blogtour mit einem – wie man in Bayern sagt – “Schmankerl”, d.h. einem Leckerbissen.

Ich freue mich sehr, daß Rosie Martin von DIYCouture die Nähbloggerrunde bestehend aus Ulrike von Moritzwerk, Zoe vom Blog So, Zo… und Portia von Makery abrundet.

Auch Rosie habe ich wieder ein paar Fragen zum Thema Nähen und Nachhaltigkeit gestellt und wieder so spannende Antworten bekommen, daß ich mich eigentlich am liebsten mit ihr heute Nachmittag auf einen Kaffee (oder Tee) treffen, und weiter diskutieren würde…

Interview mit Rosie von DIY Couture

 

Liebe Rosie, kannst du uns zuerst etwas über dich erzählen? Wo lebst du, was ist dein Beruf und was war deine Motivation, Teil der DIY-Bewegung zu werden?

Hallo! Ich lebe im sehr fernen Osten Londons. Ich arbeite für eine große Wohltätigkeitsorganisation, die alle möglichen Dinge tut, um blinden und sehbehinderten Menschen bei den Herausforderungen in der Gesellschaft zu helfen. Ich spiele Schlagzeug und manchmal andere Instrumente und natürlich nähe ich gerne. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich entschieden habe, Teil der DIY-Bewegung zu werden, es ist einfach etwas, das zu mir und meiner Art passt!

Mir hat es immer sehr viel Spaß gemacht etwas selber zu machen und in den 90ern bekam ich als Teenager das absolute Nähfieber. Mein Freund hat mir ein paar Anleitungen für eine Hose runtergeschriebn – und so habe ich angefangen selber zu nähen auf eine stark „Mach-es-selbst“.

Und dann bin ich älter geworden und habe mich immer mehr auf die „anarchistische“ Seite der Dinge geschlagen. Ich boykottierte unethische Unternehmen, beteiligte mich an direkten Aktionsprotesten, nahm einen “opting out” – Ansatz an und lebte abgekoppelt in einem Lieferwagen und versuchte es eine Existenz zu erreichen, die frei und abgelöst von dem kapitalistischen Standardmodell war. Ich muss sagen, daß ich es nicht geschafft habe diesem sehr wachen Ansatz meiner Lebensweise treu zu bleiben und lebe heute lange nicht mehr so radikal wie damals.

Bis jetzt hast du zwei Bücher veröffentlicht. Eins heißt “DIY Couture” und das neueste “No patterns needed”. Mit beiden Büchern bietest Du “eine Reihe von einfachen, illustrierten Anleitungen, die es den Lesern ermöglichen, Kleidungsstücke selbst zu machen” anstatt sie zu kaufen. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

So, meine ersten Näherfahrungen waren ohne Schnittmuster und ich habe es total geliebt fähig zu sein meine eigenen Kleider zu machen. Ich habe so viele Leute getroffen, die mir gesagt haben, dass sie gerne ihre eigenen Klamotten machen würden, aber sie waren der Meinung, dass es jenseits ihrer Möglichkeiten lag. Ich wusste, dass das nicht der Fall war. Zu dieser Zeit waren Schnittmuster eigentlich das einzige verfügbare Werkzeug, um Kleidungsstücke selber zu machen, aber Schnittmuster haben für viele einfache Konstruktionsprozesse mit verwirrend komplexen und kaum bebilderten Anleitungen nicht durchschaubar gemacht. Wenn ich nicht von einer Nähfreundin mit handschriftlichen Anmerkungen an den Anleitungen dazu ermutigt worden wäre, hätte ich wahrscheinlich aufgeben, wenn man mir ein Schnittmuster vorgelegt hätte.

Ich war so leidenschaftlich und wollte anderen Leuten helfen, ihre eigenen Kleider zu konstruieren, also schien das Erstellen einfacher, visueller Anweisungen wie ein neuer Weg! Ich habe tatsächlich 3 kurze Anleitungen als Booklet selbst gedruckt und herausgegeben, bevor die zwei Bücher erschienen sind. Ich nannte dieses Projekt “DIYcouture”.

Bereits vor einigen Jahren im Jahr 2012 ermutigte Vivienne Westwood ihre Kunden während einer Modenschau, keine Kleidung zu kaufen. Genauer gesagt sagte sie: “Natürlich versuche ich nicht zu verschwenden und meine Art zu verschwenden ist, sich auf die Qualität zu konzentrieren, nicht auf die Quantität. Und du kennst meine Botschaft, es ist kaufe weniger, wähle gut, und mach es lange haltbar. Noch besser ist, kauf nichts, kaufe solange keine Kleider bis du wirklich musst “
Könnte es sein, dass Vivienne Westwood deine Seelenverwandte ist und was denkst du über Quantität und Qualität in Bezug auf Kleidung?

Ha ha ha, ich liebe diese Frage! Ich habe diese Sache mit Vivienne Westwood … Ich finde ihre Politik extrem problematisch. Gleich zu Beginn der DIYcouture habe ich ein Video gedreht, bei dem es so aussah, als würde ich eine ihrer Jacken in einem Lift bei Selfridges (Kaufhaus) zerschneiden!

Es ist so einfach für eine reiche Berühmtheit, die teure Kleidung verkauft, Leute darüber zu belehren, “gut zu wählen.” Genauso wie sie sich selbst als “Punk” bezeichnete, ohne wirklich einen Punk-Ansatz zu haben, hat sie sich selbst als “ethisch korrekt” definiert obwohl ihre Firma Praktikanten keine Gehalt zahlt und keine ökologischen Grundlinien einhält um die Auswirkungen ihrer Tätigkeiten zu begrenzen. Außerdem  erwähnt sie nirgendwo, dass sie den Produzenten ihrer Kleidungsstücke einen fairen Lohn und eine Prämie bezahlt.

Ich finde, wenn sie andere Leute belehrt, aber 100 Pfund für ein T-Shirt verlangt für dessen Produktion der Arbeiter wahrscheinlich weniger als 1 Dollar verdient ist das definitiv fehlendes Bewußtsein.

Ich glaube fest daran, dass “Quantität” destruktiv ist. Dies ist ein Modell, das wir geschaffen und eingeführt haben, in dem die Produktion schnell ist und der “Erfolg” der Unternehmen auf immer mehr Konsum angewiesen ist. Das alles dann zu Lasten der Produzenten und der Umwelt.

Ein Fokus auf Qualität statt auf Quantität könnte ein Teil der Herausforderung. Ich finde es eine Schande, dass jemand wie Vivienne Westwood, der die Macht hat, Veränderungen für viele Menschen in ihrem eigenen Geschäft zu beeinflussen, stattdessen einen so oberflächlichen Ansatz wählt, und nur davon spricht, ethisch korrekt zu handeln zu sein, ohne diese Werte in der Praxis wirklich zu leben.

Wo kaufst du deine Klamotten? Oder machst du die meisten deiner Kleidungsstücke selbst?

Ich mache die meisten meiner Kleider selbst, obwohl ich immer noch Jeans kaufe, meistens von Second Hand Läden oder aus der Altkleidersammlung. Ich bin jedoch überhaupt kein ethischer Engel. Ich kaufe meine Schuhe und Unterwäsche von einem ganz normalen Laden in der Einkaufsstraße. Ich muss sagen, dass ich mitschuldig bin, wenn ich Firmen Geld gebe, die ihre Arbeiter nicht wertschätzen. Vielleicht haben ich und Vivienne mehr gemeinsam, als ich gerne denke!

Auf deiner Website nennst du die DIY-Bewegung eine langsame Revolution und definierst sie als Antithese zu Fast-Fashion. Was denkst du andererseits – über soziale Medien, die DIE Stimme für die DIY-Bewegung und alle Selbermacher geworden sind? Großartig einerseits, aber auch sehr schnell, virtuell und voll geschönter Inhalte andererseits. Verstößt das nicht gegen die “langsame” DIY-Revolution?

Hmmm interessante Frage! Persönlich liebe ich Technik, und ich denke nicht unbedingt, dass “langsam” positiv und “schnell” negativ ist – es kommt lediglich darauf an, worum es geht du. Ich denke, eine der revolutionären Kräfte des Nähens ist, dass du von Grund auf erlebst, was alles nötig ist um ein Kleidungsstück herzustellen  – etwas, das oft verborgen ist. Das wird dann zu etwas, worüber du sprichst, und ich denke, Diskussionen sind ein wichtiger Teil, um den Status Quo in Frage zu stellen.

Daher sehe ich Social Media als wertvoll vor allem in dieser Diskussion. Wir alle teilen unsere komplexen Gedanken darüber, wie sich das Nähen zu der Fashion Revolution verhält, und darüber, ob unser Ansatz, eigene Kleider herzustellen, als “ethisch” oder sogar “langsam” betrachtet werden kann. Dieser Austausch kann also transformativ sein.

Auf der anderen Seite denke ich aber, dass unsere Emotionen tief mit dem kapitalistischen Modell verbunden sind. Der Kapitalismus lässt uns oft klein fühlen, so wie idealisierte Lebensstile Teil des Branding sind, und wir uns dann oft dem Konsum zu, um uns besser zu fühlen.

Es ist interessant darüber nachzudenken, wie Social Media dazu passen – wann Menschen sich austauschen und ab wann es ungesund wird und die Psyche beeinflusst weil ein ständiger Vergleich der Lebensstile stattfindet.

Ich weiß nicht, ob das diese Antworten diese Frage überhaupt beantworten!

Besonders an deinem Instagram-Account mag ich deine unprätentiösen, “straight-ahead”, NICHT geschönten und manchmal auch melancholischen Schnappschüsse. Was möchtest du mit den Social-Media-Kanälen vermitteln, die du verwendest und was ist Dein Favorit?

Gut, danke! Ich muss sagen, ich habe nicht die Absicht, etwas Bestimmtes zu vermitteln! Ich bin irgendwie von Twitter abgekommen, da ich im Grunde zu vielen Leuten gefolgt bin und mein Feed bedeutungslos geworden ist. Also ist Instagram mein Hauptkanal und ich genieße es Teil der Instagram Nähgemeinschaft zu sein.

Ich liebe es, Fotos zu machen, und ich denke, ich poste einfach Bilder von Dingen, auf die ich stoße, die ich mag – oft Gebäude und Landschaften (weil ich die Welt liebe!) sowie von dem, was ich mache. Vielleicht sehen meine Fotos melancholisch aus, weil ich nicht dazu tendiere, Menschen einzubeziehen? Ich versuche normalerweise, Leute zu meiden, weil ich finde, es ist ein bisschen unhöflich ist, Leute zu fotografieren! Ha ha!

Ich würde wirklich gerne wissen, wer dein Lieblingsmodedesigner ist? Kannst du erklären warum?

Ich bin da ziemlich unloyal, wenn es um Modedesigner geht – ich mag verschiedene Designs von Leuten zu verschiedenen Zeiten.
Ich finde Catwalk-Mode sehr inspirierend, aber ich lege mich da nicht fest. Ein paar Favoriten sind vielleicht Kenzo, MSGM, Miu Miu und Prada.

Ich denke, das sind alles ziemlich kühne, zukunftsorientierte Marken. Ich finde Prada immer auf dem neuesten Stand und inspirierend, sowohl in der Kleidung, die sie machen, als auch in der Art, wie sie sie in Fotos präsentieren.

Ihre Fotos haben in letzter Zeit so viel Spaß gemacht und viele Gruppen von Menschen miteingeschlossen, die in vielerlei Hinsicht verschieden sind – einschließlich Älterer.

Ich denke, dass ich mich zu Designern hingezogen fühle, die Farbe und Druck auf interessante Weise nutzen und Modedesign in innovative Richtungen bringen.

Und last but not least: Was wünschst Du Dir für die Textilindustrie, die immer noch zu einer der schmutzigsten gehört, mit oft schlimmen Bedingungen für die Arbeiter und einer schrecklichen Belastung für die Umwelt?

Wow, nun, das Wort “Wunsch” lässt vermuten, dass ich hier voll und ganz auf eine Traumwelt eingehen kann!

Ich würde mir wünschen, eine ethische korrekte Produktion wäre keine Nische, sondern eine Grundhaltung, auf dem global alles fusst. Der Traum wäre, dass die gesamte Textilherstellung so abläuft, dass Wasserquellen nicht austrocknen, sie nicht mit Chemikalien verschmutzt werden oder Menschen lebenslang krank machen oder diese sich kaum etwas leisten können.

Dies würde einen Ansatz erfordern, davon ausgehend die tatsächlichen Kosten für die Endprodukte zu berechnen und den Gewinn über die gesamte Lieferkette hinweg auszugleichen.

Mit Technologien, Respekt für die Umwelt und einem neuen (langsamen!) Ansatz für Arbeit und Wohlstand glaube ich, dass wir diesen hehren Zustand der Existenz erreichen können!

Aber wir sind so weit davon entfernt, nicht wahr? Das kann ziemlich überwältigend sein…

Liebe Rosie, vielen Dank auch an Dich für den Exkurs in Deine Vergangenheit, Deine Gedankenwelt und für Deine Statements. Deine Wünsche für die Zukunft der textilverarbeitenden Industrie ist ein wunderbarer Abschluss dieser Blogtour.

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Den 25% Gutschein von True Fabrics hat Celine gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!


Die Fashion Revolution Blogtour haben wir mit einem neuen Schnittmuster begonnen und möchten sie auch mit einem neuen Schnittmuster beenden. Ganz neu und frisch heute im Shop – das Schnittmuster Jacke Holly mit einer ausführlichen Videonähanleitung, die in unserem schnittchen patterns You Tube Channel für Dich bereit steht.

Die hier gezeigt Variante mit dem spitzen Kragen habe ich mit einem tollen Denim von Thread International genäht. Thread International hat ein wunderbares Projekt auf die Beine gestellt und Stoff aus alten Plastikflaschen hergestellt. So auch dieser Denim…

Thread International vertreibt keine Stoffe mehr, sondern hat es anderes mit den Stoffen vor… Wenn es Dich interessiert, dann geh auf ihre Seite und trage Dich beim Newsletter ein!

Ich darf aber heute zum Abschluss dieser tollen Woche 2 m von dem tollen Denim verlosen, denn ein bisschen hatten sie noch auf Lager.

Wer also eine Holly aus Denim nähen möchte, der kann einen Papierschnitt und den Denim hier gewinnen. Bitte bis morgen (30.4.) 24 Uhr unter dem Artikel einen Kommentar hinterlassen und mit ein bisschen Glück ist Holly-Paket dann deins! Viel Glück!

 

Fragen an Portia Lawrie über die “The Refashioners” Challenge und ihre Auswirkungen

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Im Rahmen der Fashion Revolution Blog habe ich schon auf die Näh-Challenge Me Made May von Zoe hingewiesen. Solche Challenges sind eine tolle Möglichkeit sich mit vielen anderen Hobbyschneiderinnen auszutauschen, das eigene Können unter Beweis zu stellen und ein großer Pool vielfältigster Inspirationen!

Auch Portia Lawrie – ich liebe einfach diesen Namen und kann ihn nicht genug schreiben – hat vor einigen Jahren solch eine Challenge ins Leben gerufen und veranstaltet seit 2011 regelmäßig “The Refashioners”. Wie der Name schon sagt, geht es darum nicht mehr angesagten Kleidern neues Leben einzuhauchen indem sie angepasst und verändert werden.

Ich finde dieses Projekt passt wunderbar zu unserer Fashion Revolution Week Blogtour und ich habe Portia deswegen ein paar Fragen zu “The Refashioners” und ihrem eigenen Verhältnis zu Kleidung gestellt.

Interview mit Portia vom Blog “Makery

 

Liebe Portia, bitte erzähl uns etwas über dich. Wo lebst du, was ist dein Beruf und wie bist du darauf gekommen einen DIY-Blog zu veröffentlichen?

Ich lebe in einem ländlichen Teil von Essex, wo ich in von einem Sommerhaus am Ende unseres Gartens aus arbeite, Kaffee trinke und Musik höre! Ich habe mit meinem Blog makery 2010 angefangen. Ursprünglich war er gedacht als ein persönlicher Blog, in erste Linie um meine Fortschritte im Nähen zu verfolgen. Aber es war schnell so eine Art Schneeballeffekt, genauso wie meine Leidenschaft zum Nähen. Und heute – arbeite ich in Teilzeit und schreibe für Online- und Printmedien in Sachen Nähen.

Seit 2013 organisierst du die “The Refashioners” Challenge. Im Grunde geht es darum, dass Blogger eingeladen werden, ein Kleidungsstück neu zu gestalten. Kannst du diese Herausforderung genauer erklären und uns sagen, was deine Absicht mit Refashioners war?

Die Absicht von “The Refashioners“, das ich 2011 zum ersten Mal veranstaltet habe, war und ist es, Hobbyschneiderinnen zu ermutigen, alte Kleider in einem neuen Licht zu sehen. Nicht einfach mehr Stoff kaufen, sondern alte und ungeliebte Kleidungsstücke als mögliche Stoffquelle betrachten UND die wunderbare, kreative Herausforderung entdecken, die sich aus der Umgestaltung ergibt. Ich hatte auch das Gefühl, dass das Umgestalten ein bisschen unter einem Imageproblem leidet. Ich wollte zeigen, dass es cool, kreativ, irgendwie augefallen und hip sein kann.

Also werfen wir jedes Jahr wieder den „Fehdehandschuh hin“ und fordern die Leute heraus, etwas Gewöhnliches in etwas Erstaunliches zu verwandeln. Wir starten “The Refashioners” indem wir einen Monat lang inspirierende Refashion-Projekte von einigen der bekanntesten Nähblogger zeigen. Dann fordern wir die ganze Nähcommunity für einen weiteren Monat zur Challenge heraus … und am Ende … lockt ein toller Preis für den Gewinner.

Bei „The Refashioners“ geht es nicht NUR um Nachhaltigkeit. Aber es ist tatsächlich ein großer Teil davon. Für einige Teilnehmer ist das Thema Nachhaltigkeit tatsächlich auch die Hauptmotivation daran teilzunehmen. Manche tun es wegen der kreativen Herausforderung und andere tun es, weil es irgendwie auch wirtschaftlich ist. Aber was auch immer die Motivation ist … „Refashioning“ ist ohne Frage “ganz oben”, wenn es um Nachhaltigkeit und „Slow Fashion“ geht.

Durch „The Refashioners“ hast Du ganz offensichtlich viele sehr kreative und faszinierende Leute kennengelernt. Kannst Du uns sagen was Dich am meisten beeindruckt hat?

Ha ha! Das kann ich beim besten Willen nicht beantworten, lol! So viele Projekte überfluten mich aus so vielen verschiedenen Gründen.

Ich liebe auf alle Fälle Projekte, die aufwendige Transformationen sind, aber ich liebe auch die ganz einfachen Veränderungen, die ebenso effektiv sein können. Es sind die unendlichen Möglichkeiten, die so aufregend sind. Aber ja … Ich habe – virtuell und persönlich– durch “The Refashioners” einige erstaunliche Leute kennengelernt. Mit der tollen Online-Näh-Community in Austausch zu kommen ist eine der vielen Dinge, die solche Herausforderungen wie “The Refashioners” und viele andere ähnlich geartete mit sich bringen.

Wie gehst du mit Kleidung im Allgemeinen um? Machst du die meisten deiner Kleidungsstücke selbst oder kaufst du nachhaltige und fair produzierte Kleidung? Wenn letzteres hast du da Favoriten?

Meine Garderobe ist eine Mischung aus handgefertigten, neuwertigen und Secondhand-Artikeln. Ich kaufe selten etwas Neues außer Schuhe, Taschen und Unterwäsche; – und ab einem gewissen Punkt werde ich mich wahrscheinlich auch an das anpacken.

Wenn also nicht von mir handgefertigt, sind meine Kleider in der Regel Second Hand aus einem Wohltätigkeitsladen. Initiativen wie FashRev haben mir die “Hintergrundgeschichte” von allem, was ich kaufe, viel bewusster gemacht. Es gibt Marken, die ich jetzt komplett vermeiden werde (sogar in Second Hand Läden). Der Grund dafür ist, dass ich denke, wenn die Label es sich leisten können, etwas so günstig zu verkaufen, dann werden dafür die Kosten irgendwo in der Lieferkette gesenkt. Irgendwer bezahlt hier, und ich – als Kundin – bin das augenscheinlich nicht.

Ich möchte nicht mehr dazu gehören. Ich möchte die Kleider dann lieber nicht haben, sie lieber selber machen oder gebe dann gerne aus, wo ich weiß, daß für den Hersteller ein sicheres Arbeitsumfeld gewährleistet ist und für seine Zeit und sein Können fair bezahlt wurde.

Als Selbermacher sollten wir diesen Teil viel mehr wertschätzen als die meisten anderen. Als Selbermacher … vielleicht ist die größerer Frage, der wir uns stellen sollten “Wer hat meinen Stoff gemacht?”…

Ich habe gesehen, dass Du als bester Instagram Accounts von Williamgee Haberdashy im Jahr 2018 gekürt wurdest. Was möchtest du über deinen Instagram-Account vermitteln und was bedeuten Social Media im Allgemeinen für dich?

Diese Auszeichnung zu erhalten war ein schönes Kompliment! Ich versuche nicht wirklich etwas Spezifisches in meinem IG Feed zu vermitteln. Ich denke, dass ich teile, was mir wichtig ist, das, was ich mag, und mit dem was ich poste auch das vermittele, was ich denke.

Ich würde sagen mein IG Feed ist eher eine Art Bewußtseinsstrom als eine spezifische und zielgerichtete “Nachricht”. Es ist mir wichtig, dass es visuell “fließt” – ich bin irgendwie so mit allem, was ich “mache”. Für mich geht es mehr um ein Gespräch und um Interaktion. Besonders IG ist mein Treffpunkt, wo ich diese Gespräche führen kann. Manchmal ist es ein einfach nur Geplänkel. Manchmal geht es ein bisschen tiefer.

Es geht auch nicht immer nur um Nähen. Manchmal habe ich überhaupt keine Lust nur abzuhängen. Dann möchte ich ein Teil aller Gespräche sein. Es ist wirklich eine soziale Sache für mich. Nähen kann eine einsame Angelegenheit sein und wenn du keine lokalen Freunde hast, die deine Leidenschaft teilen, sind Social Media eine großartige Möglichkeit, einen Austausch zu finden.

Die Fashion Revolution Week wurde im Gedenken an das Unglück der Rana-Plaza Fabrik ins Leben gerufen, die im Jahr 2013 1138 Menschen tötete und viele weitere verletzte. Denkst du, dass es eine Fashion Revolution gibt und wie denkst du kann vor allem bei jungen Menschen ein Bewusstsein dafür geschaffen werden nicht so viele und vor allem billige und schlecht produzierte Kleidungsstücke zu kaufen, sondern über Qualität und Nachhaltigkeit nachzudenken?

Es kommt absolut zu einer Revolution. Und lange soll sie weitergehen! Aber es geht um viel mehr als nur darum die Einstellung vieler Menschen zu ändern, wie sie Kleidung wertschätzen.

Der größte Faktor des Zusammenbruch des Rana-Plaza war das Geld. Kostensenkungen, um die Nachfrage nach billiger Kleidung zu decken. Aber die Nachfrage nach billiger Kleidung wird nicht nur durch Fast Fashion oder dem schnellen Konsum genährt. Das ist sicher die eine Seite der Medaille, ja.

Initiativen wie FashRev sind großartig, um das zu ändern. Aber es gibt eine andere, weniger anerkannte oder sagen wir weniger diskutierte Seiten der Medaille. Diese Industrie, also die textilverarbeitende Industrie, wird auch von der Armut bei uns gefüttert. Wenn Familien zwischen Heizen oder Essen wählen müssen, werden ethische Entscheidungen schwierig. Es ist einfach, eher ein ethisch hergestelltes T-Shirt für 80 Pfund zu kaufen als eins für 5 Pfund, wenn man das nötige Einkommen dafür hat. Aber wenn man kurz davor steht, daß einem der Strom abgestellt wird dann wäre es wahrscheinlich besser die 80 Pfund für die Stromrechnung auszugeben und die 5 Pfund für das Hemd aus dem Supermarkt.

Du erwähnst speziell junge Menschen. Ich denke, junge Menschen sind wahrscheinlich die am besten informiertesten und sozialbewusstesten von uns allen. Sie kaufen die billigen Klamotten zum Teil, weil sie sich nur das leisten können, und zum Teil, weil sie mit neuen Trends mithalten wollen.

Es wird immer eine Nachfrage nach billiger Kleidung geben, solange es Menschen gibt, die sich keine ethischen Alternativen leisten können. Wenn wir weiterhin daran arbeiten das Stigma, das mit Secondhand-Kleidung verbunden ist, zu beseitigen und es als ethische Option anerkennen würdern; eine weitere ethische Option wäre, Menschen weiterhin dazu zu ermutigen, Fähigkeiten wie das Ausbessern oder Selbermachen von Kleidung zu erlernen. Das wird dazu beitragen, dass die am unteren Ende der Einkommensskala stehenden Personen (einschließlich der jungen Menschen) ethischere Entscheidungen treffen können.

Die Lohn- und Arbeitsbedingungen für die Arbeiter in der Bekleidungsindustrie sind von entscheidender Bedeutung. Aber wenn die Bedingungen, die die Nachfrage nach billiger Kleidung erzeugen, immer noch zu Hause liegen, werden wir die Quelle des Problems nicht vollständig lösen. Einstellungen und Bewusstsein sind nur eine Teil der Geschichte. Im Moment befinden wir uns in einem weiteren Teufelskreis von Armut, die Armut verursacht, und das ist ein großes gesellschaftspolitisches Problem.

Glaubst du, dass es in der Nähcommunity ein wachsendes Bewusstsein gibt? Daß Leute anfangen zu nähen, weil sie nicht eine Industrie unterstützen wollen, die für ihre unfairen Arbeitsbedingungen und schlimmen Auswirkungen auf die Umwelt bekannt sind?

Ganz sicher. Ich denke, viele Leute nähen aus diesem Grund. Aber Vorsicht! Die Stoffherstellung kann genauso ausbeuterisch sein wie die Herstellung von Bekleidun!. Es ist genauso leicht, sich als Selbermacher in diesem ausbeuterischen Kreislauf zu verfangen, wenn man sich nicht bewusst sind, was man kauft. Indem man z.B. zu viel oder zu verschwenderisch Stoff kauft oder eben billig produzierten Stoff.

Meiner Meinung nach ist es ist ethisch oder ökologisch dann nicht besser als Fast Fashion. Ich würde sagen “Kaufe weniger …. aber kaufe gut. Mach weniger … aber mach es gut”.

Wäre es nicht toll, “Refashioning” als Pflichtfach in der Schule zu haben?

Ich denke eine Wertschätzung für die Herstellung von Kleidung im Allgemeinen sollte an den Schulen Thema sein. Bringt das Handarbeiten oder einfach Textilien als Lehrplanfach zurück, sage ich !! Wenn man weiß, wie lange man braucht, um ein T-Shirt zu machen … weiß man einfach, wann Preis fair und wann er ausbeuterisch ist; und es wird einem dann em Ende nichts ausmachen, die Rechung zu bezahlen, selbst wenn man nicht seine Kleider selbst macht. Und abschließend denke ich, wenn man ein bisschen mehr bezahlt, wird man auch eher etwas wieder reparieren als es wegzuwerfen!

Liebe Portia, vielen Dank für dieses geradlinige Interview und dafür, daß Du uns Einsichten in Deine klare Haltung gegeben hast. Ich freue mich schon auf die nächste “The Refashioners” Challenge, die sicher wieder ganz außergewöhnliche Ergebnisse bringen wird.

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In dem Interview spricht Portia auch davon, daß letztendlich Nachhhaltigkeit und ökologisches Bewußtsein beim Nähen oder Selbermachen auch davon abhängt welche Materialien man wählt. In diesem Zusammenhang möchte ich dir True Fabrics aus Hamburg sehr ans Herz legen.

True Fabrics ist ein Versandhandel mit sozialem Gewissen und einer großen Auswahl an einzigartigen Stoffen aus der ganzen Welt. True Fabrics arbeitet mit kleinen und mittleren Textilproduzenten z.B. aus Ghana, Togo, Südafrika, Nepal, Australien, Guatemala oder Indien zusammen. Sie wollen das traditionelle Handwerk fördern, treten für die kulturelle Vielfalt ein und stellen ökologischen und soziale Prozesse sicher. Und: 10% des Kaufs fließen unmittelbar in soziale Hilfsprojekte.

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TRUE STORY

Was ist unsere Vision, was sind unsere Ziele, wer sind unsere Lieferanten? Antworten liefert die True Story


Wir wollen die Wertschöpfung unserer einzigartigen Stoffe von ihrer Produktion bis zur Auslieferung an unsere Kunden transparent gestalten und bestmöglich die verschiedenen Facetten der Nachhaltigkeit erfüllen. Nachhaltigkeit bedeutet für uns (eigene) Prozesse umweltfreundlich zu gestalten, ökologisch unbedenkliche Rohstoffe und Materialen zu verwenden sowie zu gerechten Arbeitsbedingungen und fairen Löhne für die Mitarbeiter unserer Lieferanten beizutragen (eine Liste mit den konkreten Maßnahmen findest du hier). Die Gegebenheiten hinsichtlich des Austausches sowie der Produktionsweisen und -standards variieren in den unterschiedlichen Herkunftsländern der Stoffe stark, wodurch jeder Lieferant ein individuelles Profil an Nachhaltigkeitsaspekten abdeckt. Jeder Lieferant hat seine eigene True Story. (…)

(Quelle: Website von True Fabrics, About Us)

 

Wenn du die Vielfalt und Qualität von True Fabrics mal ausprobieren möchtest, dann hinterlasse unter diesem Post einfach einen Kommentar bis heute (28.4.) Abend 24 Uhr. Ich verlose heute einen 25 % Gutschein!

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Den Shopper von Lanius hat Resa gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!

Zoe vom Blog “So Zo..” über den Me Made May und eine nachhaltige Garderobe – eine “Merle” von Erlich Textil zu gewinnen

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Es ist bald Mai und da klingelt es bei vielen Hobbyschneiderinnen, denn dann wird es wieder viele, viele Beiträge auf Instagram, Facebook und in Blogs mit dem Hashtag  #memademay oder für die Profis #mmmay18 geben. Ins Leben gerufen hat diese Challenge Zoe vom Blog “So Zo…What do you know“.

Zoe passt wunderbar hier in unsere Blogtour zur Fashion Revolution Week. Nicht nur, weil sie mit ihrem Me Made May Projekt den Fokus auf die Wertschätzung (selbstgemachter) Kleidung legen will, sondern weil sie schon vor einigen Jahren viele Beiträge zu Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit der eigenen Garderobe geschrieben hat und immer wieder über die verschiedenen Aspekte dieses Thema reflektiert.

Ich freue mich sehr, daß Zoe sich in der stressigen Vorbereitungszeit zum Me Made May 2018 bereit erklärt hat mir ein paar Fragen zu beantworten.

Interview mit Zoe vom Blog “So Zo…

 

Liebe Zoe, Me Made May ist inzwischen eine Art Institution in der Nähcommunity geworden und viele Hobbyschneiderinnen nehmen jedes Jahr an dieser Challenge teil. Bitte erzähl uns doch wann Du Me Made May ins Leben gerufen hast und worum es genau geht?

Me-Made-May ist eine Aktion, die Menschen ermutigen soll, ihre Kleider selbst zu machen oder zu -nähen, um eine bessere Beziehung zu dieser dann handgefertigten Garderobe zu entwickeln.

Das Ganze begann im Jahr 2010. Damals lebte ich in Barcelona und ich habe angefangen immer mehr meine Kleidung selber zu machen. Dabei habe ich angefangen immer mehr darüber nachzudenken was die Motivation für das Selbermachen ist und welche Bedeutung selbstgemachte Kleider letztendlich haben bzw. haben können. Ich wollte mich selbst testen und sehen, wie weit ich beim Selbermachen gehen, wie weit ich mich auf mein eigenes Können verlassen kann. Und so habe ich angefangen alle möglichen Arten von Kleidungsstücken auszuprobieren und bin immer weiter gegangen und habe irgendwann sogar Sachen wie Unterwäsche oder Mäntel selbst genäht…

Zunächst war es also eine persönliche Challenge, die ich dann in einem wärmeren Monat – das erste Mal hatte ich mich dieser Herausforderung im März gestellt  – wiederholen wollte. Ich wählte dann den Monat Mai und berichtete in meinem Blog davon, weil ich sehen wollte, ob das auch für andere interessant wäre. Mein persönliches Versprechen, das ich im Blog veröffentlichte, war nur selbstgemachte Sachen zu tragen außer BHs, Strumpfhosen, Socken und Schuhe. Für die anderen habe ich es offen gelassen mit zu machen oder sie konnten sich ihren eigenen Herausforderungen stellen und danach handeln. Ich dachte, dass nur eine Handvoll Leute daran interessiert wären, aber gleich im ersten Jahr haben sich 80 Leute angemeldet und seitdem ist der Me Made May immer weiter gewachsen und es machen mittlerweile soviele mit daß ich es kaum glauben kann

In Deinem Blog schreibst Du, daß “Nähen und Redesignen (…) einen großen Teil Deines Wunsches ausmacht, ein nachhaltigeres und authentischeres Leben zu führen”. Was meinst du damit genau und wie beeinflusst es deinen Alltag?

Ich denke, dass sich die Bedeutung dieses Satzes für mich im Laufe der Jahre etwas verändert hat. Vor sechs Jahren, als ich ihn geschrieben hatte, habe ich bei einer Textilrecycling-Wohltätigkeitsorganisation namens TRAID gearbeitet, die hier in Großbritannien ansässig ist. Meine Aufgabe bestand darin, eine kleine Auswahl an Damenbekleidung aus gespendeten Textilien – ausrangierte Stoffe und Kleidungsstücke  –herzustellen. Durch diesen Job hatte ich also auf einmal Zugang zu nicht mehr gebrauchten Kleidungsstücken, die ich auch für meine privaten Nähprojekte verwenden konnte. Meine Idee damals war Kleidung, die eigentlich auf dem Müll landen würde durch meinen Job und durch mein Hobby wieder zu neuem Leben verhelfen, indem ich daraus wieder neue, tragbare Kleidung mache.

Jetzt wo ich nicht mehr bei TRAID arbeite und nicht mehr in der Form auf alte, ungenutzte Kleidung zurückgreifen kann, die ich dann abändere, bin ich mir nicht sicher, ob ich meine Art zu nähen noch als nachhaltig bezeichnen würde: ich greife genauso auf Stoffe zurück, wie jede andere Hobbyschneiderin.

Vor kurzem habe ich einen Blogbeitrag geschrieben, in dem ich ausführlicher darüber schreibe, wie schwierig es sein kann, Nähen als ein nachhaltiges Tun zu beschreiben. Dennoch denke ich, dass mit dem Nähen der eigenen Kleider sicher ein höheres Maß an Nachhaltigkeit erreicht werden kann, wie wenn man sie zu kauft. Denn durch das Nähen haben wir die Möglichkeit, Kleidung zu kreieren, die wir oft länger tragen als gekaufte. Das liegt daran, dass wir durch das Nähen von Kleidung von Grund auf die vollständige Kontrolle über jedes Element haben: Stil, Stoffqualität, Farbe bis hin zu Verzierungen – alles können wir selbst bestimmen. Wir können unsere Kleidungsstücke, die wir haben wollen, fast genau so gestalten, wie wir sie uns wünschen und sogar der eigenen, einzigartigen Körperformen anpassen. Bis man dahin kommt braucht es natürlich viel Zeit und Übung (und leider jede Menge Stoff…:)) aber wenn man auf einmal wirklich ein paar ganz besondere Stücke geschaffen hat, ist es viel schwieriger, sie in die Altkleidersammlung zu bringen als ein Kleidungsstück, das man aus einer Laune heraus gekauft hast als man zufällig durch die Einkaufsstraße geschlendert ist.

 

Du hast schon vor drei Jahren einen tollen Artikel darüber geschrieben wie man es zu „einen nachhaltigen Kleiderschrank schafft“. Hier schreibst du auch, daß man “Kleider ausbessern, verändern und anpassen” sollte, die man gerade nicht mehr tragen will. Was wären deine Tipps für diejenigen, die nicht Nähen können aber trotzdem eine auf eine nachhaltige Garderobe umsteigen wollen?

Ich denke fast jede Stadt hat ein Geschäft, das Kleidung verändern oder reparieren kann. So könnte man natürlich dort Kleidungsstücke anpassen oder reparieren lassen, wenn man nicht nähen kann. Wenn du das Kleidungsstück trotz seines Makels irgendwie noch magst, bist du es vielleicht sogar denjenigen schuldig, die den Stoff hergestellt und das Originalkleid genäht haben, sich darum zu kümmern und ihm ein möglichst langes Leben in Deinem Kleiderschrank zu gewährleisten.

Du arbeitest freiberuflich als Nählehrerin, organisierst einen Handmade Markt und stehst außerdem durch den Me Made May in einem regen Austausch mit der Nähcommunity. Denkst Du, dass es einen Bewusstseinswandel bezüglich des Konsums von Kleidung gibt? Meinst Du, dass Hobbyschneiderinnen sich immer mehr der Nachhaltigkeit ihres Hobbys bewußt sind und dann auch vermehrt auf fair produzierte Stoffe zurückgreifen?

Ich habe definitiv das Gefühl, dass innerhalb der Nähergemeinschaft mehr und mehr Gespräche über Nachhaltigkeit geführt werden und was das das Selbernähen für einen Haushalt bedeuten kann. Zum Beispiel hat der Podcast “Love to Sew” kürzlich eine exzellente Episode zu dem Thema produziert, bei der die Moderatoren viele Aspekte diesbezüglich aufgegriffen haben. Ich denke jedoch, dass die Nähgemeinschaft im Allgemeinen noch weit davon entfernt ist herausfinden zu wollen, wie man so nachhaltig wie möglich näht. Aber hoffentlich kommen wir bald dorthin um die negativen Umweltauswirkungen, die unser Hobby natürlich auch mit sich bringt zu begrenzen.

Ich glaube aber leider nicht, dass die meisten Konsumenten von Massenbekleidung einen Bewusstseinswandel als Ganzes erfahren, oder zumindest nicht so schnell, wie es eigentlich passieren müsste. Vor fünf bis zehn Jahren wurde in den Medien viel über Ausbeutungsarbeit geredet. Zahlreiche Artikel, Bücher und Dokumentationen wurden herausgegeben und wir haben viel erfahren über die entsetzliche Realität der Bedingungen, in denen Stoffe und Kleidung hergestellt werden. Aber die Modeindustrie hat es weitgehend versäumt, auf Forderungen zu reagieren und ihre Wertschöpfungskette transparenter zu machen. Die besonders gewissenhaften Verbraucher wissen gar nicht, wie man sich ethisch sauber anziehen kann. Der Bekleidungsindustrie ist es gelungen, abzuwarten bis die Aufmerksamkeit abgeklungen ist und abgesehen von dieser großartigen Fashion Revolution Week, wird diesem Thema wieder viel zu wenig Zeit eingeräumt. Das zeigt aber auch, wie enorm wichtig diese Woche der vollen Aufmerksamkeit für dieses Thema ist.

Die Fashion Revolution Week wird jährlich zum Gedenken an das Unglück der Rana-Plaza-Textilefabrik in Bangladesch organisiert. Was hast du gedacht, als dieser Unfall passiert ist?

Der Einsturz der Rana Plaza Fabrik war wirklich herzzerreißend. Ich glaube, dass die Tragödie bestätigt hat, dass sich in der Bekleidungsindustrie nichts verändert hat, trotz aller Exposés und Dokumentationen wie z.B. True Cost. Der Kampf gegen die Ausbeutung von Arbeitern in Entwicklungsländern ist ein mühsamer Kampf, der vor allem auf das derzeitige neokapitalistische Finanzsystem zurückzuführen ist. Es wird viele Unternehmen und vor allem Einzelpersonen brauchen, um Stellung zu beziehen und die finanziellen Auswirkungen für einen signifikanten Umbruch innerhalb der Branche zu akzeptieren.

Wenn man an ein nachhaltiges und authentisches Leben denkt, geht es nicht nur um Mode oder Textilindustrie, sondern auch um Essen, Reisen, Umweltverschmutzung, Computer, Smartphones und so weiter. Frustriert dich diese niemals endende Liste manchmal oder hast Du für Dich da einen guten Weg gefunden?

Ich bin frustriert und überwältigt von der Ungeheuerlichkeit des Schadens, den wir jeden Tag dem Planeten und einander zufügen. Vor ungefähr acht Jahren hab ich ein ausgezeichnetes und erschreckendes Buch mit dem Titel “Confessions of a Eco Sinner: Reisen, um herauszufinden, wo meine Sachen herkommen” von Fred Pearce gelesen, das viel dazu beigetragen hat, mir das wahre Ausmaß von allem näher zu bringen. Es ist definitiv eines jener Bücher, von dem ich mir wünschen würde, alle auf der Welt würden es lesen. Oft fühlt es sich völlig sinnlos an, alleine für sich ein nachhaltigerer Lebens zu führen, aber es liegt wirklich an uns, die wir in reichen, entwickelten Ländern leben, es wenigstens zu versuchen. Dieser Planet wird in einem solch schrecklichen Zustand an unsere Kinder weitergegeben werden, und ich möchte meinen beiden Kindern in die Augen schauen können und ihnen von einigen der Dinge erzählen, die ich versucht habe, zu verändern und zu verbessern.

Aber zurück zum Gefühl des Überwältigtseins. Es ist wichtig, daran zu denken, dass Veränderungen in der Welt wirklich passieren können, und wenn ich mich vom Ausmaß der Probleme überwältigt fühle, versuche ich, mich auf einen Bereich oder Aspekt zu konzentrieren, den ich gut kenne und von dem aus ich loslegen kann. Mein Bereich ist auf alle Fälle das Nähen und Kleidung, also versuche ich vor allem hier die Welt ein bisschen besser zu machen. Ich achte auch auch bei anderen Dingen darauf mein Leben und Zuhause zu verbessern, indem ich diese ausprobiere und mit anderen darüber rede. Einige kleine Dinge, die ich in letzter Zeit gemacht habe, sind der Kauf von biologisch abbaubaren Bambuszahnbürsten und die wöchentliche Lieferung von Bio-Obst- und Gemüsekisten, um Einwegverpackungen aus Kunststoff und Plastik zu reduzieren. Ich weiß, dass ich niemals ein perfekter Öko- (Nicht-) Verbraucher sein werde, aber das bedeutet nicht, dass es nicht sinnvoll ist, meinen eigenen CO2-Fußabdruck zu verringern. Wenn alle aktiv daran arbeiten würden, ihren eigenen CO2-Fußabdruck zu verringern, hätte das global einen großen Einfluss. Alles, was wir tun können, ist zu versuchen, Dinge zu verbessern und darüber zu reden, in der Hoffnung, andere dazu zu inspirieren, es auch zu versuchen.

Liebe Zoe, ich danke Dir sehr herzliche für die reflektierten und persönlichen Einblicke in Dein Verständnis von Nachhaltigkeit und die vielen Tipps! Ich wünsche Dir viel Erfolg beim Me Made May!

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Hier kannst du dich beim MeMadeMay 2018 anmelden!

Auch bei dem diesjährigen Me Made May geht es darum jeden Tag im Mai selbstgemachte Kleidung zu tragen und zu dokumentieren. Ausgenommen sind Wäsche, Socken, Strumpfhosen und Schuhe.

Gerade bei Wäsche ist es schwierig fair produzierte zu finden, die dann auch noch bezahlbar ist und auch das gewisse Etwas hat. Deswegen möchte ich die heute Erlich Textil aus Köln vorstellen, ein 2015 gegründetes Label für Wäschprodukte, die in Europa aus nachhaltigen Materialien hergestellt und über den Onlineshop zu einem dazu noch fairen Preis verkauft werden.

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authentisch – erliches design

Wir versprechen dir, dass wir die Textilien von erlich immer authentisch, einfach und unaufgeregt, aber ins Detail zu Ende gedacht gestalten. Wir werden stets zeitlos klare Produkte entwerfen, die die Basis für deine moderne Garderobe bilden und in denen du dich noch nach Jahren so wohlfühlen wirst, wie am ersten Tag. Und wir versprechen dir, dass das auch so bleibt.

hochwertig – erliche qualität

Wir versprechen dir, dass wir immer, bei jedem Stoff, bei jedem Knopf, von jedem Faden bis in die letzte Faser nur die beste Qualität verwenden. Wir suchen jedes Teil mit größter Sorgfalt aus, um alles für dein tägliches Wohlfühlgefühl auf der Haut zu tun. Und wir versprechen dir, dass du das spüren wirst.

nachhaltig – erlich nachhaltig

Wir versprechen dir, dass wir immer auf höchste Sozialstandards, Transparenz, fairen Handel, kurze Lieferwege und den schonenden Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten achten. Wann immer wir eine Möglichkeit sehen, die Dinge anders und besser zu machen, werden wir das tun. Für dein und für unser Wohlfühlgefühl.

direkt – erliche preise

Wir versprechen dir, dass wir alles dafür tun, dass du dich mit unseren Preisen stets so wohlfühlst, wie mit unseren Produkten. Wir verzichten auf alles, was den Preis unnötig erhöhen könnte und versenden die Produkte direkt aus der Fertigung zu dir. Zu einem Preis, mit dem du dich wohlfühlen kannst.

 

(Quelle: Webshop Erlich Textil, “Unser Versprechen”)

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Heute darf ich einen BH Merle hier verlosen. Wer sich über ein “Drunter” unter selbst genähten Kleidung freuen würde, der kann hier bis heute Abend (26.4.) 24 Uhr einen Kommentar hinterlassen. Die / den GewinnerIn gebe ich morgen im Blog bekannt.

Doppelt und dreifach gut! Das Label “Jyoti” aus Berlin

>> in English

Am dritten Tag der Fashion Revolution Blogtour hier im schnittchen Blog möchte ich dir ein Projekt vorstellen, das seinen Ursprung im indischen Chittapur hat. Dort verbrachte 2008 die damals 19jährige Jeanine Glöyer ihr freiwilliges soziales Jahr und baute im Sozialzentrum Jyoti Seva Kendra, was soviel heißt wie “Jemandem das Licht bringen”, gemeinsam mit den Nonnen vor Ort eine kleine Nähwerkstatt auf.

Eigentlich als kleines Projekt für benachteiligte Frauen aus der Region gedacht ist daraus “Jyoti – Fair Works” geworden ein Modelabel, das auf der einen Seite den Frauen aus Chittapur eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben gibt und auf der anderen Seite faire und ökologisch-nachhaltige Mode produziert.

Ich freue mich sehr, dass Carolin Hofer, die sich vor allem um die Wertschöpfungskette und Transparenz der Produkte kümmert und die Kontakte zu den Stoffhändlerin pflegt, mir ein paar Fragen beantwortet hat.

** Ich möchte noch auf die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Werde” mit dem Titel “So fair ist Mode jetzt” hinweisen. Hier gibt es einen langen Artikel über Jyoti, der alle Aspekte des so vielschichtigen Unternehmens beleuchtet. Oder klick rüber auf die Seite von Jyoti, wo man auch noch mal genauer nachlesen kann, was Jyoti alles leistet.

Carolin Hofer von Jyoti – Fair Works mit zwei Näherinnen

Interview mit Carolin Hofer von “Jyoti- Fair Works

 

Ich folge Jyoti schon länger auf Instagram und habe kürzlich einen tollen Beitrag über Euch in der Zeitschrift „Verde“ gelesen. Viel (Pionier)-Arbeit steckt in Eurem Projekt und sicherlich oft frustrierende Momente. Was hält Euch „bei der Stange“ und motiviert Euch immer wieder aufs Neue Euren Prinzipien treu zu bleiben?

Natürlich ist es manchmal frustrierend am Alex immer noch Scharen von jungen Menschen mit Primark Tüten einsteigen zu sehen und natürlich läuft bei uns intern auch nicht immer alles glatt und wir schlagen uns mit verspäteten Lieferungen, der Indischen Post, Steuern und Co rum. Aber das wird alles mehr als wieder gut gemacht durch die Erfolge, die wir auf der anderen Seite sehen. Ein riesen Motivator sind unsere Kunden und ihr Feedback. Wir kriegen wöchentlich so viele liebevoll geschriebene Postkarten und nette E-Mails voll Lob und Begeisterung, die uns unglaublich viel Kraft geben. Wir lesen uns diese Nachrichten hier im Büro dann immer laut vor und sind überzeugt – wir haben die nettesten Kunden dieser Welt. Und daneben ist natürlich die Arbeit in Indien unglaublich motivierend. Dazu gehört zu sehen wie sich die Frauen Jahr für Jahr besser werden und uns in ihren Nähfertigkeiten längst weit überholt haben, dass sie Jyoti als ihr Business ansehen und riesiges Interesse am „German Market“ und dem Feedback der Kunden haben. Dazu gehört aber auch mitzubekommen wie sich die Frauen jetzt ihrerseits für die Ausbildung ihrer Töchter einsetzen, und ganz klar erkennen, wie wichtig sie für deren späteres Leben ist. Und schließlich gehört dazu das unglaubliche Potential in Indien zu entdecken. Wir finden jedes Jahr aufs neue wunderschönen Materialien wie Peace-Silk oder Wolle oder entdecken ausgefeilte Webtechniken wie Ikat oder filigranste Musterwebungen, und manchmal sitzen wir dann hier in Berlin einfach nur verträumt vor einem Stapel Stoffe und freuen uns schon ein Jahr im Voraus auf die Kollektion.

Jyoti ist ja nicht nur ein Label für fair und nachhaltig produzierte Kleidung, sondern auch ein soziales Projekt. So unterstützt Ihr mit Eurer Werkstatt in Chittapur Frauen in die Selbstständigkeit zu kommen und in einem guten Umfeld arbeiten zu können. Spricht sich Eure Arbeit vor Ort rum und könnt Ihr damit das Selbstbewusstsein der Frauen insofern stärken, dass sie evtl. bei anderen Arbeitnehmern bestimmte Bedingungen einfordern?

Ja, unsere Arbeit spricht sich auf jedenfall rum. Chittapur ist ein kleines Dorf und die NGO Jyoti  Seva Kendra, mit der wir vor Ort zusammenarbeiten ist durch ihre Arbeit mit Frauen und Kindern sowieso schon sehr bekannt und genießt hohes Ansehen. Wir bekommen laufend Bewerbungen von anderen Frauen aus dem Dorf, die Arbeit bei Jyoti ist also auf jedenfall attraktiv für viele. Und ja, Selbstvertrauen können wir damit bestimmt stärken. Schon alleine die finanzielle Unabhängigkeit von ihren Männern bzw. die wichtige ökonomische Rolle, die sie in der Familie einnehmen, aber auch durch die Arbeit außer Haus, die Interaktion mit Stoffhändlern und Mitarbeiterinnen, sind für die Frauen, die vorher meist von Zuhause aus sehr gering bezahlter Arbeit wie bspw. Räucherstäbchen drehen nachgingen, genug Grund für große Veränderungen in ihrer Selbstwahrnehmung. Ich denke aber der wichtigste Effekt auf evtl. spätere Beschäftigungsverhältnisse sind die Kompetenzen, die die Frauen erwerben, sowohl als Näherinnen als auch in Workshops zu Selbstständigkeit, zu Bankkonten oder zum Geld sparen, so dass sie als qualifizierte Arbeitnehmerinnen einen guten Job annehmen können und nicht schon durch die fehlende Ausbildung in „Ausbeuterjobs“ gedrängt werden.

Wie ist Euer Verhältnis zu den Frauen vor Ort? Könnt Ihr kurz beschreiben, wie die Arbeit für die Frauen bei Jyoti geregelt ist und für was Ihr in diesem Zusammengang Sorge tragt?

Das Verhältnis zwischen uns und den Frauen in Indien ist sehr persönlich und vertraut. Sie kennen Jeanine und mich seit vielen Jahren und wenn wir vor Ort sind arbeiten wir jeden Tag sehr eng zusammen. Außerdem werden in der Gruppe viele Probleme diskutiert (und gelöst),  da weiß jede über die Lebenssituation der Anderen Bescheid. Jyoti wird ganz klar als Projekt oder Unternehmen wahrgenommen, an dem wir alle zusammen arbeiten. Das indische und das deutsche Team sind gleichwertige Partner, die viel Verantwortung tragen ihre jeweiligen Aufgaben ordentlich zu erledigen. Sie das Nähen und wir das Design und den Verkauf:)

Die Frauen fangen bei uns jeden Morgen um 10 an zu arbeiten, haben dann um 13 Uhr eine Stunde Mittagspause und nachmittags wird nochmal von 14-17 Uhr gearbeitet. Die Zeiten haben wir mit den Frauen zusammen festgelegt, abgestimmt auf ihre sonstigen Verpflichtungen zuhause und andere Bedürfnisse. Wer mal keine Zeit hat, kann sich natürlich freinehmen, das geht alles sehr spontan und kommt oft vor, da es in Indien viele Familienfeste und religiöse Feiertage gibt. Die Frauen stimmen sich dazu aber einfach untereinander ab, da mischen wir uns gar nicht groß ein. Früher täglich, jetzt nur noch von Zeit zu Zeit, gibt es nach der Mittagspause noch einmal eine Stunde Englisch Unterricht. Inzwischen sprechen die Frauen sehr gut Englisch und wenn neue Mitarbeiter dazu kommen lernen die sehr schnell von den Anderen und durch den Austausch mit uns. Auch die Einarbeitung neuer Mitarbeiter wird von der Gruppe geregelt. Die Älteren, Erfahrenen üben dann solange mit den Neuen, bis die Produkte deren Qualitätsprüfung standhalten. Und natürlich gibt es in der Ausbildung keine Grenzen, gemeinsam arbeiten wir ständig an neuen Schnittkonzepten und halten in Indien Workshops zu speziellen Nähtechniken oder aber auch zu Themen wie Selbstständigkeit, Geldanlage, etc… Zusätzlich zu diesen „professionellen“ Anreizen, bieten wir den Frauen zinslose und subventionierte Kredite, für private Investitionen im Gesundheits- oder Bildungsbereich und führen bspw. regelmäßige Health Check-Ups durch.

Die Stoffe für Eure Kollektionen sind wunderschön und alle ausschließlich handgewebt von kleinen Familienbetrieben oder Kooperativen. Ihr selbst verschafft Euch immer wieder einen Überblick und inspiziert Eure Zulieferer persönlich. Außerdem sorgt Ihr dafür, dass das Geld wirklich bei den Webern ankommt. Wie macht ihr das?

Vielen Dank für das Kompliment!:) Ja richtig, die Stoffhändler kennen wir alle sehr gut und genauso wie mit den Frauen haben wir inzwischen auch mit vielen von ihnen ein sehr persönliches Verhältnis. Mindestens einmal im Jahr fahre ich für die Auswahl der Stoffe, Zeitplanungen für die kommenden Lieferungen, das Entdecken neuer Webtechniken und ja – auch fürs Zusammensitzen und Chai trinken nach Indien zu den Händlern. Die Händler – das heißt kleine Kooperativen zu denen sich viele Weber zusammen geschlossen haben oder Familienbetriebe, die oft auch zusammen mit den Nachbarn eine Verkaufsgemeinschaft bilden. Dadurch dass wir direkt mit diesen im Kontakt stehen und keine Mittelsmänner einschalten oder den Einkauf der Stoffe outsourcen, stellen wir sicher, dass das Geld das wir zahlen nicht in den Taschen von irgendwelchen Vermittlern, sondern direkt beim Weber landet.

Carolin Hofer im Gespräch mit einem Stoffhändler in Indien

Wer entwirft die Modelle für Jyoti und was ist Euch bei den Designs wichtig?

Das Design übernehmen wir selbst und ist eine unserer Lieblingsaufgaben 🙂 Immer im Januar und Juli setzen wir uns zusammen um erste Ideen für die Kollektion im kommenden Jahr zu sammeln und in den folgenden Wochen und Monaten arbeiten wir diese vagen Ideen aus zu konkreten Schnitten und schließlich Probestücken. Jeanine und ich haben beide keine Ausbildung im Design oder Schnitttechnik hinter uns, und durch die Arbeit bei Jyoti natürlich eine Menge gelernt, aber lange nicht so professionell wie wir unsere Kleidung gerne haben wollen;) An dieser Stelle bekommen wir Unterstützung von Experten. Seit letztem Sommer ist Mareike bei uns mit im Team, sie hat Modedesign studiert und kann aus unseren Vorstellungen und Ideen handfeste Schnitte erstellen, mit denen wir dann nach Indien reisen und sie den Frauen vorstellen. Bei den Designs versuchen wir auf Alles zu achten, was unsere Produkte nachhaltiger machen kann. Natürlich wollen wir keinen Trends hinterherlaufen, die nach wenigen Monaten nicht mehr angesagt sind, sondern möglichst zeitlose Schnitte entwerfen. Dazu gehört auch die Zeitlosigkeit übers Jahr hinweg, bspw. Sommerkleider, die sich im Winter mit langem Rolli und Stiefeln kombinieren lassen und Zeitlosigkeit über die Veränderungen unseres Körpers hinweg, also Schnitte die sich an verschiedene Figuren anpassen, gebunden oder gewickelt werden können. Daneben versuchen wir den Verschnitt, der beim Zuschneiden anfällt, stark zu reduzieren oder optimalerweise ganz zu vermeiden. In den letzten Wochen hat Mareike wahre Wunder des Puzzelns vollbracht und wir werden in der Kollektion Sommer 2019 zwei Zero-Waste-Produkte vorstellen, bei deren Zuschnitt wirklich kein einziger Zentimeter Stoff weggeworfen wird. Und dass die Stücke am Ende auch noch schön aussehen sollen, muss ich wahrscheinlich nicht zu erwähnen… Da verlassen wir uns meistens ganz auf unseren eigenen Geschmack und überlegen was wir nächstes Jahr am Liebsten im eigenen Kleiderschrank sehen wollen;)

Was hat sich in Eurem eigenen alltäglichen Lebensstil geändert seitdem Ihr mit Jyoti wirkt?

Ich denke diese Frage meinst du in Bezug auf unser Einkaufverhalten?! Ich würde sagen, dass wir alle auch schon vor Jyoti sehr bewusst konsumierende Menschen waren und uns vielleicht auch deshalb hier zusammen gefunden haben 😉 Trotzdem wird man durch unsere Arbeit jeden Tag aufs neue sensibilisiert für die Auswirkungen unseres Konsums und gleichzeitig motiviert es anders zu machen. Ich kann nur für mich sprechen aber eine konkrete Änderung wäre bspw. das Einkaufen bei anderen Fair Trade Labels. Das klingt vielleicht erstmal komisch – sollte ich das nicht sowieso machen? – aber ich habe lange Zeit ausschließlich Second-Hand-Kleidung gekauft und finde ehrlich gesagt 95% meiner Kleidung immernoch auf Flohmärkten. Durch die Arbeit bei Jyoti sind aber viele andere kleine Labels auf die Bühne getreten, und weil man weiß, wie wichtig die Arbeit ist, die dort geleistet wird und wo es ankommt, wenn man dann schweren Herzens 150€ für ein Kleid zahlt, kommt das jetzt alle Jahre auch mal vor. Ich bin auf jedenfall auch viel radikaler geworden in meinen Ansichten und sehr viel strenger mit mir selbst bei der generellen Frage danach was ich wirlich brauche.

Jyoti gibt es jetzt seit ein paar Jahren. Könnt Ihr schon einen Wandel hin zu einem sagen wir mal „weniger ist mehr” feststellen? Wie würdet Ihr Euren KundenInnen beschreiben?

Ja genau, Jyoti hat im Jahr 2010 als kleines Projekt angefangen und im Jahr 2014 haben wir dann offiziell das Unternehmen gegründet und im Sommer darauf auch die erste Kleidungskollektion verkauft. „Weniger ist mehr“ sollte natürlich für jedes Fair Trade Label mit ganz oben auf der Grundsatz-Liste stehen und wir selbst verwirklichen diesen Slow Fashion Ansatz durch kleine und wenige Kollektionen, gute Qualität, die Produkte lange leben lässt und die Ermunterung unserer KundInnen den Wert der Kleidung anzuerkennen und dementsprechend gut damit umzugehen, sie ggf. zu reparieren usw. Durch das Feedback, dass wir von unseren KäuferInnen bekommen, können wir davon ausgehen dass diese Idee durchaus auch ankommt. Wir bekommen auch manchmal E-Mails mit Nachfragen ob wir abgefallene Knöpfe nochmal schnell annähen, Hosen kürzen oder eine aufgegangene Naht schließen können. Da wir fast ausschließlich online verkaufen ist es aber natürlich schwierig zu beurteilen inwiefern unsere KundInnen tatsächlich eine bewusste Entscheidung für weniger Konsum getroffen haben oder unsere Produkte einfach nur sehr schön finden und im Schrank neben 70 anderen Stücken aufreihen;) Ich denke aber dass alleine der Preis für faire Mode bei unseren KundInnen ein gewisses Verständnis für „weniger ist mehr“ voraussetzt und ganz konkret am persönlichen Kontakt mit KäuferInnen, merken wir auch deutlich, dass das Interesse an globalen Lieferketten und Transparenz in der (Mode)Industrie steigt! Viele KundInnen fragen uns Löcher in den Bauch um sich wirklich von jedem Wertschöpfungsschritt ein genaues Bild machen zu können. Das muss dann ja auch irgendwie in Wertschätzung für die Arbeit die dahinter steckt resultieren..:)

Was wünscht Ihr Euch konkret für die Zukunft Eures Unternehmens?

Puh, das ist eine große Frage… und manchmal drücken wir uns mit „schauen wir mal“ vielleicht auch selbst ein bisschen drumherum 😉 Aber ein paar konkrete Ziele haben wir schon. Zunächst mal wollen wir weiter wachsen. Die Nachfrage nach unseren Produkten ist in den letzten Jahren konstant gestiegen und vor allem seit diesem Frühjahr überschwemmt uns eine Welle von begeisterten EinkäuferInnen so dass wir mit der Produktion kaum noch hinterherkommen. Die nächsten Schritte wären also, dass wir unser Team in Indien erweitern und noch weitere Frauen einstellen. Da wir so mehr Frauen in Indien erreichen und eine Ausbildung sowie einen guten Arbeitsplatz bieten können, wollen wir das sowieso! Es ist aber vor allem auch notwendig um unsere Produktion auf ein Level zu heben, mit dem wir hier in Deutschland unser Team ausbauen und fair bezahlen können. Wenn wir dann aber mal ein bisschen über unseren kleinen Jyoti – Tellerand hinaus schauen, sollen aber nicht nur wir wachsen, sondern der Markt für faire Mode allgemein. Man könnte sagen wir wünschen uns eine vielfältige, starke Konkurrenz! So dass faire Mode nicht mehr die versteckte Ausnahme, sondern die Regel ist.

Liebe Carolin, vielen Dank für dieses Interview! Ehrlich gesagt finde ich keine Worte für Euren enormen Einsatz und ziehe den Hut…

Das Büro von Jyoti in Berlin
Das Team von Jyoti in Indien

Den 50 € Gutschein von Band of Rascals hat Janina gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!